Die Kraft der Rituale

Der wirre Blick sprach Bände. Ein Athlet, den ich zum ersten Mal betreute, stand im Finale einer internationalen deutschen Meisterschaft. Offensichtlich konnte er mich nicht mehr richtig sehen. Er suchte mit verklärtem Blick nach dem Ursprung der Stimme, die er in weiter, weiter Ferne wahrnahm. Immerhin stand ich ja auch ganze drei Meter von ihm entfernt. Durch den Druck des Wettkampfes, war er in starken Stress geraten. Dadurch hatte sich sein Blickfeld gewaltig eingeschränkt; der Tunnelblick. Er hatte nur noch Augen für seinen Gegner. Sein Blick konnte nichts anderes mehr erfassen. Leider litten auch seine Bewegung und seine Technik unter diesem enormen Stress und er drohte, den Kampf zu verlieren. Während einer Unterbrechung gelang es mir, ihn zu berühren und wenigstens für einen kurzen Moment in unsere Welt zurückzuholen. Den Kampf konnte er damit gewinnen und sich den Titel sichern. Doch die Folgen dieser enormen Anspannung kamen erst nach dem Sieg voll zur Geltung. Der Sportler hatte kurz nach dem Kampf fast 40 Grad Fieber und Schüttelfrost. Sein Körper hatte sich während der ganzen Zeit in höchstem Alarmzustand befunden.

Es ist uns dann später, durch intensive Zusammenarbeit, gelungen die Anspannung auf ein natürliches und für einen Wettkampf notwendiges Maß zu reduzieren. So war der Titelgewinn der Europameistermeisterschaft, einige Zeit danach, schon fast ein Kinderspiel.

Stress im Ursprung bekämpfen

Wenn der Stress schon auf ein so gewaltiges Maß angewachsen ist, wie in dem obigen Beispiel, wird ein bewusstes Handeln fast unmöglich. Lockere entspannte Bewegungen oder wohlüberlegte Entscheidungen sind undenkbar. Während eines sportlichen Wettkampfes können solche extremen Situationen innerhalb von Sekunden entstehen. Sehr oft ist es allerdings möglich, sich auf eine schwierige Situation vorzubereiten. Wenn Ihnen schon im Vorfeld bewusst ist, dass es zu einer stressigen Lage kommen kann, können Sie durchaus positiv entgegen wirken.

Was kann man tun, um den Stress schon im Anfangsstadium zu bekämpfen?

Eine Möglichkeit ist es, eigene Rituale zu entwickeln. Mit einem persönlichen Ritual können Sie schon vor der belastenden Situation den aufkommenden Stress reduzieren. Sie holen sich mit einem gut vorbereiteten Ritual wieder zurück in den Augenblick und unterbrechen das Aufschaukeln der Anspannung.

Sicherlich haben Sie schon erlebt, wie kurz vor einem schwierigen Gespräch oder einer Prüfungssituation, die Gedanken ins Kreisen geraten. Im Kopf entstehen die unmöglichsten Bilder und das Adrenalin droht sie zu überwältigen. Das ist der richtige Moment, ein persönliches Ritual zu positionieren und damit die Situation zu durchbrechen. Dabei spielt es keine Rolle, was Sie tun. Es kommt vielmehr darauf an, wie Sie es tun und dass Sie mit ganzem Herzen bei der Sache sind. Die ritualisierte Handlung wirkt erst dann positiv und entspannend, wenn Sie in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Wie entwickelt man ein Ritual?

Zunächst ist es wichtig zu beobachten. Entweder lassen Sie sich durch einen Coach beobachten, um dadurch Ansatzpunkte für ein Ritual aufzuspüren oder Sie tun es selbst. Entscheiden Sie sich für letzteres, sollten Sie mit Visualisierungstechniken die Situationen, auf die Sie einwirken möchten, einigermaßen stressfrei erleben, um geeignete Möglichkeiten zu entdecken. Bei unserem Sportler von oben konnten wir seine christliche Erziehung und seinen Glauben daran ausnutzen. Er gewöhnte sich an, vor seinem Kampf kurz meine Schulter mit seinem Kopf zu berühren und danach die Kampffläche zu betreten. Er kniete sich mit einem Bein nieder, berührte mit der Hand den Boden, küsste seinen Finger und schlug ein Kreuz auf seiner Brust. Danach stand er auf und schaute seinen Gegner an. Sie können im Grunde jede Handlung ritualisieren. Ich habe Sportler erlebt, die das Binden der Schuhe zu einer Kunst erhoben haben. Meist haben sie es gar nicht bemerkt, dass sie sich 10-Mal die Schuhe gebunden hatten, bis sie endlich mit dem Ergebnis zufrieden waren. Sie waren fest davon überzeugt, dass die Schlaufe am Schuh für die Leistung beim Wettkampf verantwortlich ist. Wichtig ist, dass Sie das Ritual mit etwas Persönlichem in Beziehung setzen. Sei es Aberglaube, wie bei den Schuhen, oder Ihr Glaube, wie bei dem Kreuz, eine Beziehung zu einer Person, oder vielleicht auch eine Handlung, die Sie an eine entspannte Situation erinnert. Suchen Sie das Thema Ihres Rituals sorgfältig aus und üben Sie es nun. Sie können das im stillen Kämmerlein machen, zu Hause, oder wo auch immer Sie sich dabei wohl fühlen. Dabei sollten Sie über jede Bewegung nachdenken und sie verinnerlichen. Üben Sie Ihr Ritual immer wieder! Durch diese Wiederholung perfektionieren Sie es und beginnen es wichtig zu nehmen. Die Bedeutung der Handlung wächst automatisch, je öfter Sie sie üben und je intensiver Sie darüber nachdenken. Beim Üben werden Sie mit der Zeit merken, wie Sie immer entspannter werden und sich bei der Ausführung wohl fühlen. Genau das möchten Sie erreichen. Der Gefühlszustand, den Sie jetzt beim Üben Ihres Rituals haben wird sich ganz von selbst einstellen, wenn Sie es vor Ihrer Prüfung oder dem Gespräch ausführen. Sie haben die Entspannung mit Ihrem Ritual verbunden und können diesen Anker immer wieder benutzen.

Durch diese intensive Beschäftigung mit Ihrem Ritual, zeigen Sie sich auch selbst, dass Sie sich wichtig nehmen. So wird die ritualisierte Handlung zusätzlich mit positiven Gefühlen aufgeladen. Das steigert Ihr Selbstbewusstsein und gibt Sicherheit. Beim Militär, in fast allen Religionen, im Kampfsport, in der Politik… Überall wird die Kraft der Rituale benutzt, um ein Gefühl der Sicherheit zu entwickeln. Durch diese Sicherheit stellt sich automatisch eine gewisse Entspannung ein, die natürlich dem Stressabbau dient.

Diese positive Kraft der Rituale können Sie für jede Situation nutzen. Ob es um die Beseitigung allgemeiner Ängste geht, um das meistern extremer Situationen, um sportliche Wettkämpfe oder auch einfach nur um den Alltag oder Sie sich ein klein wenig entspannen möchten. Sie können jederzeit damit beginnen. Vielleicht entwickeln Sie sich selbst Ihr eigenes persönliches Entspannungsritual.

Und möglicherweise beginnen Sie damit schon jetzt.