Selbsthypnose – Operieren ohne Betäubung (Teil 1)

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Operieren MIT dem Patienten
Ein Experiment in Selbsthypnose
(Der Eingriff aus Sicht der operierenden Chirurgin)

Schon vor einem Jahr wurde ich, derzeit Assistenzärztin der Chirurgie im Krankenhaus Bad Dürkheim, von Matthias Werner gefragt, ob ich ihm ein störendes Hämangiom, eine Gefäßaussackung an seiner linken Brust, operativ entfernen könne. Matthias ist seit 5 Jahren mein Trainer und ich profitiere sowohl sportlich als auch beruflich, ebenso wie im vorausgegangenen Studium sehr von seiner Arbeit als Mentaltrainer.
Ohne zu zögern sagte ich zu.

Der Termin wurde auf den 23.11.15 gelegt. Ca. 10 Tage vorher machte Matthias den Vorschlag, diesen Eingriff nicht wie üblich in örtlicher Betäubung durchzuführen, sondern in Hypnose, SELBSThypnose, um genau zu sein. Da ich mich bereits während meines Medizinstudiums mit Hypnose beschäftigte und zu dieser Zeit eine Ausbildung zum Hypnotherapeuten begann, die ich bis heute verfolge, war mein Interesse geweckt. Mehr noch, ich war euphorisch und hätte dieses „Experiment“, wie er es nannte, am liebsten direkt gestartet. Natürlich waren dafür noch einige Vorbereitungen zu treffen. Mentale Vorbereitungen. Auf beiden Seiten, wie mir jedoch erst im Verlauf der 10 Tage und unserer Gespräche bewusst wurde.

Für mich war es zunächst wichtig zu wissen, wie Matthias die Operation erleben möchte. Ob er bei dem Eingriff mental „dabei“ sein, sie miterleben möchte oder sich lieber an einen anderen Ort „träumt“, um nichts mitzubekommen was um bzw. an ihm passiert. Beides sind effektive Techniken für ein solches Vorhaben. Er entschied sich die „Beobachterposition“ einzunehmen. Dafür war es ihm wichtig, jeden Schritt des Eingriffs im Vorhinein zu kennen.

Mir war diese Information nützlich, um mich meinerseits auf das Experiment vorzubereiten. Als Privatperson bin ich sehr mitfühlend, insbesondere, wenn es um Schmerzen jeder Art geht, was mir zu Beginn meiner Chirurgentätigkeit enorme Probleme bereitete. Ich bekam Stresssymptome bis hin zum Kreislaufkollaps, wenn Menschen blutend in die Notaufnahme kamen. Sobald sie jedoch eine örtliche Betäubung bekommen hatten, konnte ich meiner Arbeit ohne Einschränkung nachgehen. Nach einiger Zeit im Berufsleben gelang es mir, diese Eigenschaft teilweise abzulegen oder zumindest, sie mich nicht dominieren zu lassen. Keine Übertragung der Gefühle von Patienten auf mich! Keinen Kreislaufkollaps mehr!

Bei einer bekannten Person ist das allerdings etwas völlig anderes. Von einer bekannten Person, die KEINE BETÄUBUNG und die Schmerzen erleben möchte, ganz zu schweigen! DAS war mein Teil der mentalen Arbeit im Vorhinein. Erst als ich beschloss Matthias zu vertrauen, dass er seine Hypnose, seine Schmerzen, seine Empfindungen unter Kontrolle hat UND das Vertrauen, dass er das Experiment abbricht, wenn es ihm nötig erscheint, war ich bereit für den Eingriff!

Technisch habe ich die Operation vorher mit meinem Oberarzt durchgesprochen. Das Vorgehen stellte keinerlei Probleme da! Ich würde spindelförmig um das ca. 7 mm im Durchmesser messende Hämangiom herum schneiden, sodass ein Hautlappen von ungefähr 2 cm von rechts nach links, 1 cm von oben nach unten und 0,3 cm in der Tiefe gemessen entnommen wird. Danach sollte eine Naht des Unterhautgewebes gemacht werden, um die Wundränder anzunähern mit anschließender Hautnaht.

Der 23.11. kam und ich war aufgeregt, euphorisch und kein bisschen skeptisch. Bei einer entspannten Tasse Kaffee wurden noch die letzten Fragen geklärt und dann ging es los:
Während ich die nötigen Vorbereitungen traf, meine Instrumente richtete, meine Hände desinfizierte, mir sterile Op-Kleidung anzog bzw. von einer Arzthelferin anziehen ließ, begann Matthias mit seiner Selbsthypnose. Es war vorher abgesprochen, dass Unterhaltungen mit ihm oder mit meiner Helferin gewünscht und nicht störend seien. Er selbst nahm gelegentlich an den Dialogen teil. Es schien ihm keine Probleme zu bereiten, seine Hypnose aufrecht zu erhalten, sich seiner Umgebung bewusst zu sein UND mit uns in Kontakt zu treten. Das gab mir zusätzlich Sicherheit, das Experiment als „normalen“ Eingriff zu sehen.

Mein Plan war, das Hämangiom zügig zu entfernen und ich begann nach einem abgesprochenen Testen der Schmerzrezeptoren seiner Haut mit der Pinzette mit einem ersten schnellen Schnitt. Sein Zucken irritierte mich etwas. Da ich jedoch wusste, dass Matthias den Schmerz nicht „ausgeschaltet“ hatte und mir bewusst war, dass er ihn spüren würde und sogar wollte, machte ich unbeirrt weiter. Nur die Geschwindigkeit nahm noch zu, weil ich ihn nicht unnötig „leiden“ lassen wollte. Bereits nach dem 2. Schnitt bat Matthias mich, doch langsamer zu schneiden, weil er damit besser „arbeiten“ könne. Jeder schnelle und überraschende Schnitt würde seine Aufmerksamkeit auf das Operationsgebiet lenken und er wolle gerne den ganzen Körper spüren. Dadurch entspannte ich mich und arbeitete nun langsamer und dadurch auch sicherer. Der Druck, schnell fertig zu werden, fiel von mir ab und ich konnte von da ab MIT ihm operieren, nicht AN ihm. Ich erklärte ihm jeden Schritt, den ich tat und er erzählte mir, was er gerade braucht; ein noch langsameres Vorgehen, eine Pause, um seine Beine unter Kontrolle zu bekommen, einen tiefen Atemzug, die Information, woran ich gerade arbeite…

Unsere ZUSAMMANarbeit ging so weit, dass auch ich ihm sagen konnte, was ICH brauchte: Beim Durchtrennen der Haut fing es natürlich an zu bluten. Dadurch fehlte mir die Übersicht, ich konnte nach 2-3 Schnitten nicht mehr erkennen, wo ich den nächsten ansetzen konnte. Ich erklärte ihm, dass es nun stark blute und es mir schwerfalle, unter diesen Umständen zu arbeiten. Ich forderte ihn auf, die Blutung zu stoppen und… ER TAT ES! Ich weiß nicht, wie er es machte, aber es hörte auf zu bluten und ich konnte den gesamten Rest des Eingriffs mit guter Sicht arbeiten.
Es war eine ganz neue Erfahrung für mich in solch einer Situation MIT dem Patienten, MIT dem MENSCHEN zu arbeiten, ihn nicht vom Geschehen abzulenken, sondern ihn auf alles aufmerksam zu machen, was gerade passiert.

Als das Hämangiom entfernt war sagte Matthias zu meiner großen Überraschung: „Das könnten wir jetzt noch ´ne halbe Stunde weitermachen“. Auch dieser Satz brachte Ruhe in mich und es tat mir fast ein wenig leid, dass es schon herausgeschnitten war. Jedoch stand uns das Nähen noch bevor.

Dafür entschied ich mich zunächst für einen sehr dünnen Faden mit ebenso dünner Nadel, um meinen „Patienten“ zu „schonen“. Bereits nach dem 2. Stich ist mir dieser dünne Faden gerissen und mir wurde klar, dass ich dadurch keinen geschont hatte, sondern sogar zwei unnötige Stiche durchgeführt hatte. Hiernach griff ich zu der deutlich dickeren Nadel und dem robusteren Faden und nähte. Die Haut des Menschen ist so robust, dass es fast unmöglich ist „sanft“, nicht ruckartig ein- oder auszustechen. Manchmal fällt mir das auch bei Patienten mit örtlicher Betäubung auf, mache mir jedoch keine Gedanken darüber, da sie es nicht spüren. Bei Matthias war das etwas anderes. Er spürte jeden Stich, jedes ruckartige ein- und ausstechen und ich hatte meine liebe Mühe, nicht wieder in ein schnelleres Arbeitstempo zu verfallen.

5 Stiche!
Mit jeweils 2 Ein- und 2 Ausstichen!
20 Mal die Haut durchstochen!!!

Nein, erleichtert war ich nicht, als es vorbei war. Auf diese Art hätte ich noch einige Zeit weiter operieren mögen! Es war eine ganz neue Erfahrung!
Operieren MIT dem Menschen!!!

Beim anschließenden Essen konnte ich an Matthias Pupillen die nur langsam abklingende Euphorie beobachten. Und ich bin sicher, MEINE Pupillen verhielten sich ähnlich!!!