Operieren ohne Betäubung

Selbsthypnose – Operieren ohne Betäubung (Teil 2)

Operieren ohne Betäubung

Operieren ohne Betäubung, ist das möglich?
Operieren ohne Betäubung

Dieser Frage ist Matthias Werner im Selbstversuch nachgegangen. Dr. Nadine Pister (Assistenzarzt Chirurgie, Evangelisches Krankenhaus – Bad Dürkheim) hat sich begeistert gezeigt die Operation durchzuführen. Es ging um die Entfernung eines Hämangioms auf der Brust. Dabei wird ein circa 2 cm großes, ellipsenförmiges Stück Gewebe herausgeschnitten. Das Hämangiom sitzt ungefähr 3-4 Millimeter tief unter der Haut. Anschließend wird das Unterhautgewebe mit einer Schlaufe genäht. Für die Naht auf der Oberhaut sind fünf Schlaufen nötig.

Und das ohne Betäubung. Es wird mit Selbsthypnose gearbeitet.

Mentales Vorauserleben
Das ausgebeulte Blutgefäß auf meiner Brust wurde mit den Jahren immer größer. Zuletzt war es circa 7-8 Millimeter groß. Diese Gefäße sind sehr dünnwandig und können leicht verletzt werden. Dann bluten sie… lange… sehr, sehr lange. Das ist mehr als lästig.

Nadine Pister, die ich während ihrer Zeit als Leistungssportlerin trainierte und mental betreute, erklärte sich bereit das Hämangiom (Fachausdruck für ausgebeulte Blutgefäße, die den Träger nerven) operativ zu entfernen. Sie bildet sich selbst seit mehreren Jahren auf dem Gebiet der Hypnose fort und war daher von meinem Vorschlag begeistert die Operation ohne Betäubung durchzuführen. Es sollte stattdessen Selbsthypnose eingesetzt werden.

Eine Woche vor dem Eingriff klärten wir in einem kurzen Gespräch den Ablauf. Nadine zeigte mir dabei auf welche Schnitte mit dem Skalpell nötig waren und wie die Schnittform ungefähr verläuft. Dieser Schritt war sehr wichtig. Es zeigte sich, dass ich eine völlig andere Vorstellung hatte. Das ausgebeulte Gefäß wird nämlich nicht ABgeschnitten sondern HERAUSgeschnitten. Es wird ein augenförmiges Stück Gewebe entfernt. Dieses „Auge“ ist circa 2 cm auf 1,3 cm groß. Anschließend wird unter dem Hämangiom weiter geschnitten, bis es vollständig freigelegt ist. Das Unterhautgewebe sollte mit einer Schlaufe vernäht werden. Auch hier hatte ich zunächst eine falsche Sicht. „Eine Schlaufe“ bedeutet vier Einstiche (zweimal einstechen, zweimal ausstechen). Medizinisch wird eben doch ein klein wenig anders genäht als zuhause. Die Oberhaut wird dann mit fünf Schlaufen (20 Stiche) vernäht.

Mit diesen Informationen bereitete ich mich mental vor. Ich wollte mich während der Operation mit Selbsthypnose in die „Beobachterposition“ versetzen. Das bedeutet, ich erlebe den Eingriff komplett mit. Auch die Empfindungen bei den Schnitten mit dem Skalpell und den Stichen beim Nähen sind gegenwärtig. Die mentale Vorbereitung lief nun an zwei Tagen für etwa 10 Minuten. In Selbsthypnose habe ich den Eingriff mental „vorauserlebt“. Ich schaute mir den Eingriff an und stellte mir dabei die Gefühle vor. Den Schmerz nahm ich als das an, was er ist, eine Meldung des Gehirns, dass an der schmerzenden Stelle „etwas passiert“. Es ist eine Aufforderung an den Körper zu handeln. Die Situation soll geändert werden. Schaden soll vom Körper abgewendet werden. Das Gehirn ruft den Alarmzustand aus und der Körper versucht die schmerzauslösende Situation zu klären. Der Körper befindet sich im Stresszustand und reagiert impulsiv und meist sehr stark. Während einer Operation bei der ein Chirurg mit einem SEHR scharfen Messer an einem herumschnipselt sind starke, impulsive Aktionen des Patienten dann doch eher hinderlich.
Es ging mir beim mentalen Vorauserleben darum die Sicht auf den Schmerz zu ändern. Schmerzempfindungen lösen Reaktionen aus, die den Körper vor weiterem Schaden bewahren sollen. Im Falle eines operativen Eingriffs, der die Gesundheit erhält, gibt es keinen Schaden. In diesem Fall hat der Schmerz eine positive Ursache. Dem Körper wird geholfen. Der Schmerz ist jetzt das Zeichen dafür, dass Schaden von meinem Körper abgewendet wird. Ich wollte ihn fühlen, annehmen und positiv bewerten. Die Operation hilft. Die Schnitte mit dem Skalpell helfen. Die Stiche mit der Nadel helfen. Der Schmerz hilft. Nach zweimaligem „Üben“ hatte ich die Bewertung verinnerlicht.

Die Vorbereitung

Für den 23.11.2015 um 16.00 Uhr hatten wir den Operationstermin vereinbart. Nach einem gemütlichen Kaffee ging es in den Raum in dem der Eingriff stattfinden sollte. Während Nadine sich von einer Arzthelferin beim „sterilen Anziehen“ unterstützen ließ, versetzte ich mich in eine leichte Selbsthypnose. Wir hatten vereinbart während der OP miteinander zu reden und Informationen auszutauschen. Da wäre es hinderlich gewesen, wenn ich in einer tiefen Trance gewesen wäre (In einer tiefen Hypnose habe ich es nicht so mit dem Reden. Anm. des Autors).

Die Assistenzschwester bemerkte, dass noch gespritzt werden müsse und war sichtlich verwundert, als sie zu hören bekam: „Wir spritzen nicht, wir machen das so!“. Mir schien die Helferin danach etwas irritiert.

Die Haut wurde desinfiziert und um die Eingriffsstelle herum steril abgedeckt.

Der Eingriff

Wir hatten vereinbart, dass ein mich ein Kniff mit einer Pinzette auf den Schmerz vorbereitet. Der erste Schnitt mit dem Skalpell folgte dann direkt. Ich war etwas überrascht, dass es schon losging, dadurch zuckte meine Brust kurz. Jetzt waren wir in der Operation. Die Beobachterposition hielt und die Schnitte waren lediglich Schnitte. Ich hatte mich kurzfristig entschieden auch die positive Bewertung des Schmerzes auszuschalten. Ich wollte gar keine Bewertung.

Die ersten Aktionen mit dem Skalpell kamen sehr schnell nacheinander. Mir war ein langsameres Vorgehen angenehmer und die Chirurgin stellte sich sofort darauf ein. Durch das ruhigere Schneiden konnte ich die Empfindungen an der Schnittstelle besser aufnehmen. Ich konnte das Operationsgebiet nicht einsehen und stellte deshalb immer wieder Fragen zum Verlauf. Da meine Haut recht tief eingeschnitten wurde, interessierte es mich, ob und wie es blutet. Nadine teilte mir mit, dass es blutet und dass es ihr recht wäre, wenn es weniger blutet. Sie meinte, sie hätte Probleme die Schnitte zu sehen.

Ähnlich wie bei dem Schmerz, stellte ich mich jetzt auf das Bluten ein. Normalerweise ist bluten eine positive Reaktion. Es reinigt die Wunde. Es vermeidet also weiteren Schaden. In diesem Fall wird dem Körper durch die Schnitte geholfen. Ich bezog diese Bewertung in meine Selbsthypnose ein. Nach circa einer Minute fragte ich Nadine erneut nach dem Bluten und sie meinte „Hat aufgehört!“. So sind die „Pälzer“, minimalistisch, nur nicht zu viele Worte machen.

Während einer kurzen Pause in der ich zur Unterstützung meiner Selbsthypnose mehrfach tief ein- und ausatmete kamen mir meine Beine ins Bewusstsein. Ich hatte sie während meinem „Vorauserleben“ nicht berücksichtigt. Und die Beine sind bei Stressreaktionen im Körper sehr stark beteiligt. Sie zitterten jetzt. Das fühlte sich sehr komisch an. Die Beine zitterten während der Oberkörper und die Hände völlig ruhig waren. Um mit solchen unvorhergesehen Situationen umzugehen, hatte ich mir bei der mentalen Vorbereitung eine Hilfe eingebaut. Ich konzentrierte mich auf meine rechte Hand, die ich während der gesamten Operation nach oben hielt, und berührte nacheinander jeden Finger mit dem Daumen. Für jede einzelne Berührungen war eine bewusste Entscheidung notwendig. Dieses Vorgehen vermindert sehr schnell die Stressreaktionen des Körpers. Der Eingriff wurde fortgesetzt.

Die Chirurgin teilte mir mit, dass sie die Haut um das Hämangiom nun vollständig durchtrennt hat und es jetzt an das Herausschneiden geht. Die anschließenden Schnitte im Bindegewebe nahm ich nur noch als Druckgefühl war. Als das Gewebe dann komplett entfernt war und eine kurze Pause eintrat (Das Nähen wurde vorbereitet), kümmerte ich mich erneut um meine Beine.
Nach fünf bis zehn Minuten kam die Vollzugsmeldung. Das Hämangiom war unbeschädigt herausgeschnitten. So sollte es sein.

Das anschließende Nähen der Wunde stellte eine interessante Erfahrung dar. Dadurch, dass wir keinerlei Betäubungsmittel einsetzten bekam ich das Stechen, erstmals im Leben, richtig mit. Bei den Operationen, die man sonst so erlebt ist zumindest das Operationsgebiet betäubt und man hat kaum Eindrücke von dem Vorgehen. Ich war verwundert, wie widerstandsfähig, wie fest die menschliche Haut ist. Es war offensichtlich ein erheblicher Kraftaufwand nötig, um die Nadel durch die Haut zu stechen. Das Zusammenziehen der Fäden bewirkte ebenfalls ein sehr starkes Druckgefühl. Nach weiteren zehn Minuten und 20 Ein- und Ausstichen war auch die Oberhaut genäht.

Die Haut wurde gereinigt und mit einem Verband abgedeckt.

Hinterher

Die Beine zitterten noch immer leicht. Und der Rest war noch immer völlig ruhig. Wir machten eine Puls- und Blutdruckkontrolle. Dabei zeigte sich ein ähnlich kontroverses Bild. Mein Puls war leicht unter dem normalen Puls am Tag, 66 Schläge pro Minute. Mein Blutdruck war leicht erhöht, 140 zu 110. Das lag wohl daran, dass ich die Beine während der Hypnose zunächst unberücksichtigt ließ.

Auf dem Weg zum abschließenden, leckeren Essen im „Bad Dürkheimer Fass“ normalisierte sich dann der Blutdruck. Allerdings ging mein Puls hoch. Das ist allerdings immer so, wenn ich an leckeres Essen denke!