Über das Reden … vor Gruppen

„Vor einer Stunde kannten nur der liebe Gott und ich den Inhalt meiner Rede. JETZT kennt ihn NUR noch der liebe Gott!“

So geht es vielen Menschen wenn sie, eines schönen Tages, in die Verlegenheit kommen, vor einer Gruppe einen Vortrag zu halten. Möglicherweise handelt es sich bei der Gruppe dann auch noch um FREMDE Menschen. Schon Tage vor der Rede setzt die Nervosität ein. Es wird sich in den buntesten Farben ausgemalt, wie einem während der Präsentation das Wort im Halse stecken bleibt. Es fällt einem nichts mehr ein. Unliebsame Fragen tauchen auf. Die Stifte fallen herunter und das Flipchart um. Der Himmel fällt einem auf den Kopf und alle Anwesenden verwandeln sich in Werwölfe, Vampire und allerlei Sagengestalten, um einen zu zerfleischen. Zu guter Letzt tut sich der Boden auf und der leibhaftige Satan übernimmt höchstpersönlich die Regie. Während ganz weit hinten, die Verstorbenen Ahnen, zu sphärischen Klängen winken, und rufen: „Komm ins Licht!“. Und dieses Szenario ist noch die positivste Version.

Möglicherweise erkennen Sie sich hier wieder. Vielleicht kennen Sie ja dieses Gefühl, wenn Sie vor einer Gruppe von fremden Menschen stehen und die Beine schwer werden. Es bildet sich ein riesiger Kloß im Hals und Sie sehen außer Farben nichts mehr im Raum. Es wird ihnen kalt, Sie zittern. Und Sie verspüren einen unwiderstehlichen Drang davonzulaufen.

Sie haben Stress!

Und nun die gute Nachricht. Sie haben Stress? Prima! Nutzen Sie ihn!

Die oben erwähnten Symptome sind völlig natürlich und haben ihren Grund. Manche Menschen interpretieren dann die aufkommenden Körpersignale fälschlicherweise als Angst. Die Angst, allerdings, entsteht erst DANACH, in unserem Kopf. Die körperliche Reaktion wird in ein Gefühl umgedeutet, in das Gefühl: „Angst“.

Alle erwähnten Merkmale kennen Sie unter Umständen auch von etwas Anderem. Sie machen etwas Aufregendes, dass Sie gerne tun. Dann nennen Sie es Nervenkitzel und finden es klasse. Die Anzeichen sind dieselben. Sie werden von Ihrem Gehirn nur anders interpretiert.

Machen Sie sich bewusst, dass diese körperlichen Reaktionen von der Natur eingerichtet wurden, um uns Energie und Konzentration bereit zu stellen. Wir brauchen diese Energie, um im Stressfall zu flüchten oder zu kämpfen. Flüchten wir, entsteht die negative Angst. Kämpfen wir, entsteht der positive Nervenkitzel. Sie entscheiden was Sie fühlen möchten!

Planen

Wie können wir uns darauf programmieren, den Stress positiv zu empfinden?

Machen Sie sich einen Plan!

Viele Menschen bereiten zwar den Inhalt gut vor, den Sie vortragen möchten, lassen allerdings das Drumherum völlig außer Acht. Sie stecken den Kopf in den Sand und hoffen, dass alles gut wird. Und eben diese Hoffnung ist der Unsicherheitsfaktor, der dann bei Stress die Angst aufkommen lässt.

Machen Sie sich einen Plan, wie ihre Präsentation, Ihre Rede, ablaufen soll! Schreiben Sie diesen Plan auf! Und Sie schreiben es genau so auf wie Sie gerne hätten, dass es laufen soll! Gehen Sie dieses Drehbuch immer wieder im Geiste durch! Wenn Sie möchten, legen Sie sich dazu entspannt hin und stellen sich Ihren Ablauf mit möglichst vielen Details vor. Und das tun Sie so oft wie möglich!

Nach und nach können Sie in Ihr Drehbuch auch einige Pannen einbauen. Denken Sie darüber nach, was REALISTISCH, schief gehen könnte. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Ihnen der Himmel auf den Kopf fällt. Es könnte allerdings passieren, dass Sie schwungvoll ansetzen um mit einem Moderationsstift etwas, für alle sichtbar, zu notieren… und der Stift ist trocken. Sie nehmen nun natürlich funktionierende Stifte in Ihren Plan auf. Und Sie haben jetzt bei Ihrer Präsentation Ihre eigenen Stifte dabei, die Sie selbstverständlich vorher überprüft haben. Wenn Sie während der Präsentation viel notieren möchten, sorgen Sie dafür, dass genügend Papier vorhanden ist. Sollte Ihnen das zu unsicher erscheinen, bringen Sie Ihr eigenes Papier mit. Sollten Sie lieber eine dieser, ach so gerne gesehenen, Powerpoint-Präsentationen halten wollen, überprüfen Sie die Technik. Und selbstverständlich haben Sie ein Handout für die Zuhörer ausgedruckt in Ihrer Aktenmappe. Und natürlich haben Sie Moderationsstifte dabei. Denn falls die Technik ausfällt findet IHRE Präsentation noch immer statt. Und ich darf Ihnen aus langjähriger Vortragspraxis versichern: Die Technik fällt sehr gerne aus! Und ich darf Ihnen weiterhin versichern, dass Ihnen erstaunte und bewundernde Blicke zugedacht werden, wenn Sie in so einem Fall, nahtlos, zu den Handouts und einem Flipchart wechseln. Haben Sie Ihr Drehbuch gewissenhaft überarbeitet, werden Sie irgendwann sogar hoffen, dass etwas schief geht. Denn jetzt wird jedem Anwesenden klar, SIE sind vorbereitet und wissen was Sie tun. Sollten noch Andere Vorträge geplant gewesen sein, haben Sie jetzt noch sehr viel Zeit Ihre Präsentation zu verkaufen. Die anderen Darbietungen fallen nämlich wegen der schadhaften Technik aus. Sie werden nicht glauben, wie viel Redner schlecht bis gar nicht vorbereitet erschienen sind. SIE sind vorbereitet.

Formulieren Sie eine Begrüßung! Und tun Sie das Wort für Wort! Für viele Präsentationen, bei denen mit dem Publikum interagiert wird, kann nicht alles ausformuliert werden. Die Begrüßung allerdings wird ausformuliert und auswendig gelernt. Wenn Sie eine Rede halten, schreiben Sie sie KOMPLETT auf! Vergessen Sie diese Stichwortzettelchen! Im entscheidenden Augenblick fallen Ihnen diese ohnehin herunter und sind durcheinander. SIE haben Ihre Rede Wort für Wort auswendig gelernt. So viele Zettel können gar nicht herunterfallen, dass Sie nicht weiter reden könnten. Jetzt kann sogar das Licht im Saal ausfallen.

Jagen und sammeln

„Ich kann mich doch nicht auf ALLES vorbereiten!“

Falsch!

Falls der leibhaftige Satan aus dem aufgebrochenen Boden empor steigt, haben Sie Recht. In allen anderen Fällen ist ein schlagfertiger Spruch meist die Lösung.

Ja, nur dieser Spruch fällt uns natürlich eine Stunde später ein und nicht dann, wenn er gebraucht wird.

Richtig!

Und deshalb sammeln Sie im Vorfeld Sprüche. Und Sie notieren diese und erproben Sie im Alltag. Genau das machen nämlich die, ach so schlagfertigen, Showmaster und Stand-Up-Comedians auch. Sie alle haben sich mit ihrer Erfahrung Sprüche und Kommentare angeeignet, die in vielen Situationen passen. Schauen Sie sich einen dieser Schlagfertigkeits-Künstler in zwei verschiedenen Veranstaltungen an und Sie werden feststellen, dass JEDER Witz auswendig gelernt ist. Selbst die Bemerkungen, die man bei einmaligem Hören für spontan gehalten hat. Vielleicht hören Sie einen kurzen Witz oder eine lustige Bemerkung. Schreiben Sie es auf! Sie lesen von einer witzigen Anekdote einer bekannten Persönlichkeit. Lernen Sie sie auswendig! Notieren Sie sich ein paar sinnreiche Sprichwörter und Aphorismen!

„Veni, vedi, vici!“

Das können Sie, beispielsweise, in fast jeder Situation gewinnbringend einsetzen. Bei einer Panne wird Sie ein Teil des Publikums ob dieses Spruches für unglaublich selbstbewusst halten. Ein anderer Teil genießt die feine Selbstironie. Und der Rest kennt den Spruch nicht und traut sich, wegen der bewundernden Blicke der Vorgenannten, nicht das zuzugeben.

Das Publikum

Sie sollten natürlich in Ihr Drehbuch auch Informationen über das Publikum einbauen. Ein lateinischer Spruch vor einem Publikum, das traditionell überhaupt keine Berührungspunkte mit derlei Kulturgut hat, könnte Sie dann, mit Recht, für arrogant halten. Machen Sie sich vorher ein Bild über Ihre Zuhörer und passen Sie Ihre Spruchsammlung an. Auch die Sprache sollte selbstverständlich dem Publikum angepasst sein. Haben Sie sich vorher erkundigt, wird es Ihnen leicht fallen sich anzugleichen. Es ist erstaunlich wie viele Redner Verständlichkeit für einen schlechten Stil halten. Das Gegenteil ist der Fall. Sie werden es an den Reaktionen Ihrer Zuhörer merken. Es ist Ihre Aufgabe das Publikum zu informieren. Das kann nur gelingen, wenn Sie verstanden werden. Passen Sie sich den Zuhörern an und reden Sie in deren Sprache! Benutzen Sie dabei viele Bilder! Die Teilnehmer danken es Ihnen.

Das Drehbuch

Erstellen Sie sich mit all diesen Punkten ein Drehbuch! Gehen Sie diesen Plan in allen Einzelheiten so oft wie möglich im Geiste durch! Überarbeiten Sie die einzelnen Punkte und feilen Sie an Kleinigkeiten! Je häufiger Sie Ihren Plan durchspielen umso ruhiger werden Sie.

Stress entsteht als Folge eines Kontrollverlustes. Haben Sie die Kontrolle, haben Sie die nötige Ruhe. Wenn Sie Ihr Drehbuch wieder und wieder überarbeitet haben, bekommen Sie Sicherheit. Und Sicherheit bedeutet, die Kontrolle über die Situation zu haben. Kontrolle vernichtet Ihren Stress!

Im nächsten Teil von „Reden vor Gruppen“ wollen wir uns anschauen, was Sie unmittelbar vor Beginn Ihres Vortrages oder einer Präsentation tun können um das Publikum für sich zu gewinnen.

Sie haben Ihren Plan überarbeitet.

Der nächste Schritt geht vor das Publikum.

2 Kommentare

  1. Lieber Herr Werner,

    ihr Eintrag über die Angst vor Gruppen zu sprechen finde ich sehr hilfreich.
    Ich muss regelmäßig Vorträge halten und es ist jedesmal ein Horror.
    Ich habe genau diese Ängste empfunden, ähnlich, wie Sie sie beschreiben. Und all Ihre Tipps haben mir sehr geholfen. Das ist total klasse.
    Vielen Dank für die tollen, hilfreichen Zeilen.

    Freundliche Grüße
    s. Rosenstock

  2. Auch ein sehr guter BEitrag

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