Visualisierungstechnik – Teil 2

Visualisierungstraining

Sie möchten ein neues Auto kaufen. Sie gehen zum Händler oder Privatverkäufer und sobald Sie „Ihr“ neues Auto sehen, kaufen Sie es.

… Vermutlich nicht!

Wahrscheinlich werden Sie es sich genau anschauen. Sie gehen um das Objekt Ihres Interesses herum, betrachten es von allen Seiten. Vermutlich schauen Sie sogar unter die Motorhaube, selbst wenn Sie keine Ahnung haben, was Sie dort sehen und wie ein Motor aussehen muss. Und nun, da Sie sich das Auto von allen Seiten angeschaut haben, werden Sie… einsteigen. Sie setzen sich hinein und schauen es sich von innen an. Und Sie werden hinaus schauen. Sie schauen sich an, wie es wirkt wenn Sie durch die Scheibe nach draußen schauen. Sie kennen das.
Beobachten Sie einmal jemanden beim Autokauf oder einer Wohnungsbesichtigung. Die Menschen gehen in die Wohnung und schauen zuerst einmal durchs Fenster nach draußen. Wir möchten wissen, wie es ist, die Welt aus dem neuen Sichtwinkel, der neuen Wohnung, zu sehen.

Der Blickwinkel ändert die Sicht der Dinge.

Das machen wir uns beim Visualisieren, im Mentaltraining, zunutze.
Was geschieht wenn Sie aufgefordert werden, sich vorzustellen, sie säßen an einem Tisch?
Das Bild wird vor Ihrem geistigen Auge erscheinen. Und vermutlich werden Sie sich von rechts oben sehen, wie Sie an einem Tisch sitzen. Sie sehen sich selbst.

Das ist erstaunlich.

Sie müssten doch den Tisch vor sich sehen. Sie müssten Ihre Hände auf dem Tisch sehen, vielleicht Ihre Oberschenkel, Ihren Oberkörper. Die meisten Menschen sehen allerdings sich selbst von außen. Es ist für uns natürlich alles aus dem Sichtpunkt des Betrachters zu sehen. Wir tun es jeden Tag, 24 Stunden lang.

Wenn Sie mit visualisieren arbeiten möchten um sich in irgendeinem Bereich Ihres Lebens zu verbessern, erlangen Sie den größten Erfolg, wenn Sie beide Blickwinkel in Ihr Training einbeziehen. Genauso wie beim Autokauf.

Von außen

Beim Visualisierungstraining benutzen wir also beide Ansätze. Wir betrachten das Geschehen von außen und von innen. Beide Perspektiven haben ihre Anwendungsschwerpunkte und liefern verschiedene Ergebnisse. Sie sollten bei Ihrem Mentaltraining also auch beide Blickwinkel einnehmen. Mit zunehmender Übung wird Ihnen dann auch der schnelle Wechsel leicht fallen.
Betrachten wir beim Visualisieren das Geschehen oder Verhalten, das wir ändern möchten von außen, können wir uns mit emotionalem Abstand nähern. Das Geschehen wird jetzt wie in einem Kinofilm erlebt. Es ist hier sehr gut möglich sich von der Situation, beispielsweise einer Prüfung, zu distanzieren.

Die Situation kann dabei viel entspannter erlebt werden als unter realen Bedingungen. Eventuelle Aufregung beim realen Geschehen lässt sich so wirksam dämpfen. Damit lässt sich die Aufregung vor Wettkämpfen oder öffentlichen Auftritten abstellen und es ist möglich dem auftretenden Stress vorzubeugen.

Um diese emotionale Entfernung zu erreichen, ist es hilfreich sich bei Ihrem „Film“ auch die Umgebung Ihres „Filmtheaters“ anzuschauen. Wir wollen uns das Geschehen aus einer gewissen Distanz betrachten. Dafür ist es notwendig, diese Distanz auch in unsere Visualisierung einzubauen. Mögliche negative Gefühle lassen sich so verhindern.

Die Kontrolle über das Geschehen ist bei diesem Blickwinkel am größten. Beim Betrachten eines Films ist es jederzeit möglich abzuschalten und Ihr „Kino“ zu verlassen. So können Sie sich den auftretenden Emotionen schrittweise nähern um sie so besser zu steuern.

Die Technik des Betrachtens lässt sich allerdings ebenso gut verwenden, um sich vor einem Wettkampf oder einer wichtigen Präsentation in positive Stimmung zu versetzen. Hierfür geben wir die Kinovorstellung auf und versetzen uns in die Rolle des Zuschauers beim letzten, erfolgreichen Wettkampf. Sie schauen sich Ihre letzte, positive Präsentation als Zuschauer an und beobachten sich selbst dabei. Die positive Erregung und Stimmung dieses Erfolgs wird dabei wieder auf Sie überspringen. Sie holen sich Ihre Kraft wieder nach vorne.

Die Betrachterperspektive wird auch benutzt um das Verhalten oder eine Technik, die Sie ändern oder anpassen möchten, zu analysieren. Sie können sich jede Einzelheit genau anschauen. Ähnlich einem Cutter beim Film, ermitteln Sie die Stelle Ihres Films, die Sie ersetzen möchten. Dafür können Sie sich die Szene immer wieder anschauen, vorwärts, rückwärts und sogar Zeitlupe ist möglich. Haben Sie die gewünschte Sequenz ermittelt, schneiden Sie sie aus und ersetzen sie durch das neue, für Sie angenehmere Verhalten.

Von Innen

Wird beim Mentaltraining das Geschehen aus dem natürlichen Blickwinkel erlebt, ist es möglich ein sehr intensives Techniktraining durchzuführen. Einige Sportler, mit denen ich arbeite, haben nach ihrem Visualisierungstraining sogar Muskelkater.

Studien haben ergeben, dass alleine die Vorstellung einer Bewegung den Muskel und die Nerven aktiviert (Carpenter-Effekt). Die Muskulatur wird dabei in der tatsächlich nötigen Reihenfolge für ein Gelingen der Handlung angesteuert. Unser Gehirn macht keinen Unterschied zwischen vorgestellter und tatsächlich ausgeführter Bewegung. Beim Visualisieren von bestimmten Handlungsabläufen ist es also für das Feintuning gut die Bewegung „tatsächlich“ zu fühlen und die innere Position einzunehmen. Diese Perspektive kommt dem körperlichen Training am nächsten und wird benutzt um die Handlungsabläufe zu konkretisieren und im Unterbewusstsein zu verankern. Nachdem die Techniken von außen analysiert wurden, können sie so mit der Muskulatur in Einklang gebracht werden. Wird diese Trainingsform öfter angewandt ist es durchaus möglich, die visualisierte Handlung oder Technik am darauffolgenden Tag auszuführen. Ich erlebe immer wieder Sportler, wie sie die neue Fertigkeit benutzen als hätten sie nie etwas anderes getan.

Wichtig dabei ist, auch auf das Gefühl zu achten. Gemeint ist das Anfassen. Wie fühlt sich die Umgebung an? Berühren Sie Ihren Partner, Gegner oder irgendwelche Ausrüstungsgegenstände. Bei der Betrachterperspektive geht es um die Emotionen zu dem Geschehen. Wir können es die „Meta-Gefühle“ nennen. Bei der Inneren Perspektive stehen die taktilen Sinne im Vordergrund. Was fühlen die Finger, die Haut? Die Emotionen stehen hierbei im Hintergrund.
Bei diesem Ansatz ist es daher auch sehr gut möglich, Reaktionen anderer, beteiligter Personen mit einzubeziehen um später angemessen darauf reagieren zu können. Das Geschehen wird aus dem tatsächlichen Blickwinkel betrachtet. Daher stellt sich dann später im tatsächlichen Ablauf ein Wiedererkennungseffekt ein.

Wir haben schon gesehen, dass unser Unterbewusstsein real ablaufende Prozesse genauso speichert wie mental erlebte. Das bedeutet, dass Sie durch intensives Visualisierungstraining durchaus in der realen Situation das Gefühl erzeugen können, das alles schon erlebt zu haben.
Das gibt Sicherheit.

Beim Visualisierungstraining sollten also beide Perspektiven eingenommen werden. Als Betrachter von außen kann man in die Situation einsteigen und sich um die Emotionen kümmern. Es findet also ein Annähern statt. Danach kann das Geschehen von innen betrachtet werden. Damit wird es dem tatsächlichen Geschehen näher gebracht. Die Handlungen oder Techniken werden in die Realität übertragen.

Der Blickwinkel ändert die Sicht der Dinge.