Zum Umgang mit Stress

Was bedeutet das überhaupt „ Stress“?
Stress ist ein Kunstwort. Es wurde 1936 von dem österreichisch-kanadischen Biochemiker Hans Selye aus der Physik entliehen, um über einen ganz spezifischen Zustand unseres Körpers besser reden, und damit forschen, zu können.

Dabei ist für uns von Bedeutung, dass es zunächst hauptsächlich um einen Zustand unseres Körpers geht. Das Gehirn kommt mit seinen Deutungen und Mustern, die es auf diesen Zustand anwendet, erst später ins Spiel. Diese anschließenden Deutungen führen dann auch zu der Unterscheidung von „gutem“ (Eustress) und „schlechtem“ (Distress) Stress. Die Auswirkungen auf unseren Körper sind in beiden Fällen dieselben. Es ist dabei egal, ob jemand gerne Achterbahn fährt oder das Gegenteil der Fall ist. Im Körper finden dieselben Abläufe statt. Unser Gehirn macht später, nach dem „Stress“, etwas Gutes oder Schlechtes daraus.
Der Eine steigt aus der Achterbahn und zittert am ganzen Körper vor Aufregung. Von ihm hört man: „Wahnsinn! Das ist der absolute Kick! Gleich nochmal!“
Der Andere zittert am ganzen Körper vor Angst. Von ihm kommen dann eher Aussagen wie: „Da steige ich nie wieder ein!“

Das Zittern

Von welchem Zustand reden wir hier?
Was läuft da im Körper ab?
Möglicherweise hat jeder von uns schon einmal eine stressige Grenzsituation erlebt; ein Beinah-Unfall, eine Prüfungssituation oder eben eine Achterbahnfahrt mit 180 Stundenkilometern aus 200 Metern Höhe ins Bodenlose und dann durch 23 Loopings…
Vermutlich trafen dann ein oder mehrere der folgenden Zustände auf Sie zu:

  • Zittern
  • Blässe?
  • Schwere Beine
  • Kalter Schweiß
  • Kribbeln
  • Kurze Atmung?
  • Herzrasen?
  • Tunnelblick?
  • Ohnmacht

Und es fällt schwer zu glauben, dass alle diese Dinge gut sind. Sie sind sogar sehr gut. Sie sind der Grund dafür, dass wir die Steinzeit überlebt haben.

Wenn diese Dinge im menschlichen Körper ablaufen, dann nur aus einem einzigen Grund. Sie befähigen ihn dazu, Höchstleistung zu vollbringen. Egal ob sich der Mensch in diesem Zustand entscheidet zu kämpfen oder zu fliehen, er wird es mit 100% Leistungsfähigkeit tun. Er wird es stark fokussiert mit aller ihm zur Verfügung stehenden Kraft tun und er wird dabei absolut sicher handeln. Möglicherweise kann er sich später nicht mehr daran erinnern oder er hat keine Ahnung, weshalb er genau das getan hat, was er getan hat, aber er wird es tun.

Was, um Himmels Willen, soll denn nun gut daran sein, zu zittern, blass zu sein, wie eine Kalkwand oder kurzatmig mit Herzrasen, kaum noch etwas zu sehen und dann ohnmächtig umzufallen?
Etwas verkürzt ausgedrückt: So überlebt man. So bekämpft man Tiere, die normalerweise hoffnungslos überlegen sind.

Die Blässe entsteht nämlich, weil es schlecht wäre, sich auf der Flucht eine kleine Verletzung zuzuziehen und dann zu bluten. Die meisten Raubtiere können Blut hunderte von Metern weit riechen. Daher pumpt der Körper alles Blut aus der Haut. Wir werden blass… und bluten nicht mehr bei oberflächlichen Verletzungen. Es ist kein Blut da. Das überschüssige Blut wird dorthin gepumpt, wo es gebraucht wird.

Egal ob gekämpft oder geflüchtet wird, die Beine benötigen Blut. Sie sind nicht schwer. Sie sind hochleistungsfähig, mit dem ganzen sauerstoffreichen Blut. Die schnelle Atmung befördert nämlich kurzzeitig eine Menge Sauerstoff in den Körper und hilft schon mal im Voraus zu kühlen. Genauso, wie der kalte Schweiß. Er ist nicht einfach nur kalt. Der Körper bereitet sich darauf vor, Höchstleistung zu vollbringen. Da wäre es dumm, die Kühlung erst anzuwerfen, wenn der Kampf in vollem Gange ist. Er kühlt einfach vorher schon mal ein wenig. Wenn es dann losgeht, läuft schon alles.

Das Herzrasen kann aber unmöglich gut sein!

Haben Sie schon einmal versucht, mit einem Puls von 50 Schlägen pro Minuten Leistung zu vollbringen? Wohl kaum.

Der Puls wird ebenfalls in Erwartung der bevorstehenden Flucht oder des Kampfs hochgefahren. Derselbe Grund liegt dem Zittern zugrunde. Ein Muskel kann nur Leistung vollbringen, wenn er unter Spannung steht. Was gibt es besseres, den ganzen Körper mit allen Muskeln unter Spannung zu halten, als zu zittern?

Und sollte einmal unvermittelt ein Höhlenbär Ihre Wohnung aufsuchen, ist es sicher von Vorteil, ihm Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. Sie sehen nur noch ihn. Sie haben den Tunnelblick. Möglicherweise können Sie Ihre Wohnung nicht mehr verlassen und kämpfen ist ja nun auch nicht unbedingt eine Entscheidung erster Wahl, bei einem Höhlenbär, dann werden Sie ohnmächtig. Totstellen hilft auch heute noch Kaninchen beim Überleben. Kommt die Katze, stellt sich das Kaninchen tot und die Katze versucht, ob der sicheren Beute noch ein zweites zu fangen. Bei der Rückkehr gibt es dann ein großes „Hallo“. Das Kaninchen wurde zufällig wieder wach und machte sich aus dem Staub.
Alle der oben genannten Zustände im Körper sind ein wahrer Segen, ein Meisterwerk der Überlebenstechnik. Seien Sie glücklich, dass Sie das alles können.
Und es geht noch weiter. Wenn wir diese Abläufe kennen, können wir sie benutzen und erstaunliche Wirkung damit erzielen.

Die Zicke – Das Limbische System

Möglicherweise haben Sie Ihren Urlaub schon einmal in einer Gegend verbracht in der es Schlangen gibt. Und vielleicht haben Sie sich dann während des Spazierengehens beim Rennen erwischt.

Das Limbische System, unser Gefühlszentrum, hatte eine Gefahrenquelle ausgemacht. Dieses Zentrum bekommt lange vor unserem Bewusstsein ein einfaches Bild von dem visuellen System und ist somit in der Lage, Gefahren frühzeitig zu bekämpfen. Wenn das Limbische System, genauer, der Mandelkern, nun eine Gefahr erkennt, schlägt es sofort Alarm. Anders als auf der „Enterprise“ gibt es für den Mandelkern allerdings keine Alarmstufe „Gelb“. Entweder schlägt er Alarm oder eben nicht.

Das hat einen guten Grund. Wenn er irrtümlich vollen Alarm ausruft, entsteht kein Schaden. Wir laufen nur vor einem Stock weg. Schlägt er aber nur ein bisschen Alarm und es ist eine Schlange, reagieren wir möglicherweise falsch. Das kann unter Umständen der letzte Irrtum gewesen sein.

Durch den Alarm werden die oben genannten Abläufe in Gang gesetzt. Sie haben sich dann gefragt, weshalb Sie überhaupt rennen. Während Sie sich diese Frage stellten, versuchte das Bewusstsein die Lage zu erfassen. Dummerweise reden Großhirn und Mandelkern nicht miteinander. Sie haben schlicht keine Verbindung zur Kommunikation. Das Großhirn versucht über die Zustände im Körper zu erfahren, wie wir uns fühlen und was zu tun ist. Es stellt das Adrenalin im Blut fest, das angeschaltete Kühlsystem und das viele Blut in den Beinen. Das Großhirn stellt eine Stresssituation fest und ist sich natürlich sicher, die Lage mit einem Bild der Umwelt ein klein wenig besser beurteilen zu können. Es fragt also beim visuellen System an, ob es vielleicht möglich wäre, ein Bild zu bekommen. So nach und nach erschien dann ein noch unscharfes Bild in Ihrem Kopf. Und selbst unscharf konnten Sie, bzw. Ihr Bewusstsein, erkennen: da lag ein Stock. Das war keine Schlange, vor der Sie weggelaufen sind.
Trotzdem blieben Sie nicht einfach schlagartig stehen. Sie wurden langsamer und der Mandelkern sagte Ihnen: „Lauf weiter!“. Das Bewusstsein sagte, etwas lauter: „Das war ein Stock! Bleib stehen!“.
Das ging ein bisschen hin und her und kurz darauf blieben Sie stehen. Jetzt folgt bei uns allen etwas Interessantes. Wir gehen zurück zu der vermeintlichen Gefahrenquelle und überzeugen uns davon, dass es ein Stock war.

Das Bewusstsein möchte der Zicke von Mandelkern klarmachen, dass es ein Fehlalarm war.
Selbst nach diesem Beweis ist die Zicke eher eingeschnappt als überzeugt und sagt sich: “Okay, dieses Mal war es ein Stock aber beim nächsten Mal…“ Auch das geschieht aus gutem Grund. Das Limbische System lernt sehr, sehr schnell und verlernt sehr, sehr, sehr langsam.

So haben wir überlebt.

Ein Griff auf die heiße Herdplatte reicht, um zu wissen, dass diese Dinger gefährlich sind. 50 Mal auf eine kalte Herdplatte greifen reicht noch lange nicht aus um uns danach zu überzeugen, dass diese Dinger ungefährlich sind.

Dieser Tatsache liegt derselbe Mechanismus zu Grunde, wie schon oben erwähnt. Irrtümlich etwas als ungefährlich einstufen kann lebensgefährlich sein. Deshalb ist der Mandelkern eine Zicke.
Wie hilft uns dieses Wissen bei Stress?

Wir wissen nun, dass unser Großhirn nur über den Körper mit unserem „Stresszentrum“ kommuniziert. Diese Tatsache können wir benutzen, um die Symptome abzubauen oder sogar abzustellen.
Auch hier lernen wir wieder von Sportlern, Hochleistungssportlern, die auf ihren Wettkämpfen meist einem enormen Stress ausgesetzt sind.

Ich habe Sportler betreut, die schon Schnappatmung hatten, Todesangst. Sie haben ihren Trainer nicht mehr gehört und hätten alleine nicht mehr aus der Umkleidekabine gefunden. Sie haben die Tür nicht mehr gesehen. Sie standen kurz vor der Ohnmacht. Und selbst bei diesen Sportlern haben die folgenden, einfachen und kurzen Verhaltensänderungen dazu geführt, dass sie ihren Wettkampf sicher bestreiten konnten.

Wenn es in diesen extremen Situationen funktioniert, dann funktioniert es bei uns schon lange.
Schauen Sie sich einmal im Fernsehen an, was Skiflieger tun!
Das sind die mit den ganz hohen Schanzen. Sie alle stehen oben am Start, kurz bevor sie auf zwei dünnen Hölzchen, mit wahnsinniger Geschwindigkeit dem Ende der Piste entgegen rasen, um danach ins Nichts zu fliegen und… Sie schließen die Augen.

Formel-1-Fahrer, Bob-Fahrer, bei ihnen allen können Sie dieses Verhalten beobachten. Sie schließen die Augen. Wie soll unser Großhirn jetzt eine Flucht vorbereiten oder zum Angriff blasen?
Es wird nun dringlich dazu auffordern, die Augen zu öffnen. Ohne Bild lässt es sich schwer kämpfen. Das Großhirn wird im System verbreiten: „So kann ich nicht arbeiten! Entweder bekomme ich ein Bild oder wir blasen den Stresszustand ab!“.

In dieser Situation machen die Sportler noch etwas anderes. Sie atmen ganz tief ein. Das tun sie zwei, drei Mal. Spätestens jetzt sagt sich das Großhirn: „Okay, das war’s! Feierabend! Der Stress ist beendet!“ Und fährt die Symptome herunter. Es ist erstaunlich, wie schnell dieser Mechanismus wirkt.
Die Sportler erreichen dadurch, dass sie wieder feinmotorische Bewegungen ausführen können und auch Dinge wahrnehmen, die zunächst nicht wichtig erscheinen. Durch das noch immer im Blut vorhandene Adrenalin, bleiben Sie hochleistungsfähig und tun Dinge, von denen Normalsterbliche glauben, sie seien unmöglich.

Das Adrenalin ist nun für uns noch ein Punkt, an dem wir arbeiten sollten. Denn durch das Adrenalin könnte die Zicke auf die Idee kommen, das Stresssystem wieder hochzufahren. Jetzt könnten Sie literweise Wasser trinken. Adrenalin wird über Urin ausgeschieden. Oder Sie verbrennen es durch angespannte Muskulatur.

Spannen Sie die Muskulatur in den Armen und im Oberkörper mehrfach sehr stark an und Sie werden feststellen, das Kribbeln lässt schlagartig nach. Die Stresssymptome sind abgestellt, der Stress beendet.

Die einfachen Techniken sind die Besten.

3 Kommentare

  1. Guten Tag Herr Werner,
    Ihr Artikel über Stress ist faszinierend. Ich habe mir noch niemals Gedanken darum gemacht, was in meinem Körper alles los ist, wenn ich gestresst bin und dass das alles einen Sinn hat! Für mich sind diese Reaktionen meines Körpers eher belastend, gerade, wenn auf der Arbeit wieder viel los ist. Die Technik mit dem Atmen habe ich mal ausprobiert und allein das Wissen über den Sinn dieser körperlichen Reaktionen lässt mich zumindest etwas ruhiger sein, wenn mal wieder zu viel Stress aufkommt.

    Vielen Dank für diesen Artikel!

    LG
    G.Kiefer

  2. Mir ist es gerade wie Schuppen aus den Haaren gefallen.
    Obwohl die Dinge aus dem Artikel mir bekannt waren, ist mir beim Lesen
    aufgefallen, dass ich mich überhaupt nicht darum gekümmert habe.
    Also mein „Umgang mit Stress“ hat sich grade eben entscheidend geändert.

    Danke!…hat Spaß gemacht hier zu schmökern.

  3. Schönen guten Morgen,

    im Moment erfahre ich hohen Stress privat und im Job. Und ich kenne ebenfalls fast alle oben beschriebenen Sypmtome.
    Das ist so interessant, zu erfahren, wie der Körper funktioniert und WARUM macht er das eigentlich. Und plötzlich erscheinen diese unangenehmen Auswirkungen sogar positiv und schützend.
    Das hilft schon ungemein, es mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

    Und dann noch die Tipps, wie man entgegenwirken kann … Ganz toll.
    Tipps, die jeder Mensch ohne fremde Hilfe oder Ablenkung in irgendeiner Form, etc. sofort anwenden kann, um dem Sress entgegen zusteuern.

    GENIAL.

    Ich freue mich schon beinahe darauf, die Tricks bei der nächsten Stresssituation anzuwenden.

    TAUSEND DANK Herr Werner

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